26. August 2026

Replik: Versorgungssicherheit entsteht im Energiesystem von morgen – nicht im gestrigen

VSE-Präsident Martin Schwab fordert in seinem Gastkommentar («AKW-Betrieb, Marktliberalisierung und ein Ende der Solarsubventionen», FuW vom 17. August 2026) eine Kurskorrektur der Schweizer Energiepolitik. Doch wer die Versorgungssicherheit stärken will, darf das Energiesystem nicht rückwärts in die alte Welt der starren Bandenergie lenken. Die Energiewende ist ein dreifach bestätigter Volksauftrag – und sie funktioniert.

In manchem sind wir mit Martin Schwab einig – und das ist keine Nebensächlichkeit: Ja, die Schweiz braucht das Stromabkommen mit der EU. Es ist ein Instrument für Versorgungssicherheit, Systemstabilität und wettbewerbsfähige Preise, kein europapolitischer Selbstzweck. Ja, die Bewilligungsverfahren für Netze und Produktionsanlagen müssen schneller werden. Und ja, jeder energiepolitische Entscheid muss sich an den Gesamtsystemkosten messen lassen. Genau an diesem Massstab aber scheitert das, was sein Gastkommentar im Kern vorschlägt: die Rückkehr zu einem System, das auf zentrale Grosskraftwerke mit importabhängiger, starrer Bandenergie setzt und damit den Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energien empfindlich schwächt.

Ein dreifach bestätigter Volksauftrag

Die Energiewende ist kein ideologisches Geschäft, das man je nach Grosswetterlage neu verhandeln kann. Sie ist ein demokratisch erteilter Auftrag, den die Stimmbevölkerung dreimal bestätigt hat: 2017 mit dem Energiegesetz und dem darin verankerten Neubauverbot für Kernkraftwerke, 2023 mit dem Klimaschutzgesetz und dem Netto-Null-Ziel, 2024 mit dem Stromgesetz und seinen verbindlichen Ausbauzielen – Letzteres mit fast 70 Prozent Ja-Stimmen und ausdrücklicher Unterstützung der Strombranche. Wer heute vorschlägt, tragende Elemente dieses Auftrags zurückzubauen, stellt einen mehrfach bekräftigten Volksentscheid in Frage. Verlässlichkeit ist auch im Kontext dieses Volksauftrags gefragt, denn es geht um Vertrauen, Innovation und lokale Wertschöpfung: Investoren bauen dort Anlagen, Netze und Speicher, wo der regulatorische Rahmen hält was er verspricht.

Die Aufhebung des Neubauverbots schadet sofort – und liefert erst in Jahrzehnten

Schwab präsentiert den Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative als nüchterne «Technologieoffenheit», die vor allem dem Langzeitbetrieb von Leibstadt und Gösgen diene. Dagegen ist zweierlei einzuwenden. Erstens: Der Langzeitbetrieb der bestehenden Werke ist geltendes Recht und unbestritten, solange die Anlagen sicher sind. Dafür braucht es keine Aufhebung des Neubauverbots. Zweitens wirkt die blosse Aufhebung ab sofort – und zwar negativ. Sie drückt die erwarteten Strommarktpreise, verschlechtert die Renditeerwartungen für Wasser-, Solar-, Wind- und Biomasseprojekte, verteuert deren Finanzierung und untergräbt das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Politik. Das trifft besonders die privat realisierten Kleinanlagen, die bisher über die Hälfte des inländischen Produktionszubaus gestemmt haben. Ein neues Kernkraftwerk hingegen würde – selbst im optimistischen Fall – frühestens in gut zwanzig Jahren die ersten Kilowattstunden liefern. Die für die Versorgungssicherheit kritische Phase der Transformation liegt aber in den nächsten Jahren bis 2040. Man opfert also reale, kurzfristig wirksame Investitionen für eine Option, die genau dann nichts beiträgt, wenn es darauf ankommt.

Förderprogramme vs. Subventionen

Der VSE-Präsident misst die Erneuerbaren zu Recht am Kriterium der inländischen Produktion – wendet diesen Massstab aber nicht auf die Kernenergie an. Kernenergie ist keine einheimische Energieform: Uran (Konversion, Anreicherung und Brennstofffertigung) hängt an einer internationalen, geopolitisch exponierten Lieferkette, die in wesentlichen Teilen von russisch geprägten Akteuren dominiert wird. Wer Abhängigkeiten reduzieren will – das erklärte Leitprinzip der neuen sicherheitspolitischen Strategie des Bundes – kann nicht gleichzeitig eine Technologie ausbauen wollen, die solche Abhängigkeiten auf Jahrzehnte zementiert. Hinzu kommen die bekannten Nachteile: Strom aus neuen Kernkraftwerken ist drei- bis viermal teurer als Wind- und Solarstrom, Neubauten sind weltweit nur mit staatlichen Garantien und Abnahmeverpflichtungen finanzierbar und generieren nur marginale inländische Wertschöpfung, und die Entsorgungsfrage ist auch für die zusätzlichen Abfälle neuer Werke ungelöst. Ein Ende der Förderprogramme zu fordern und zugleich der subventionsbedürftigsten Technologie zur Stromproduktion den Weg zu ebnen, ist kein glaubwürdiges Programm zur Senkung der Gesamtsystemkosten, sondern eine Verlagerung von bewährten, aus Lenkungsabgaben finanzierten Fördermechanismen, hin – zu in Zeiten anspruchsvoller Entlastungsanstrengungen – den Bundeshaushalt zusätzlich belastender Subventionen.

Dynamisch statt starr: das richtige Systemdesign ist entscheidend

Entscheidend ist aber der Systemgedanke. Ein resilientes Stromsystem muss nicht nur genügend Energie bereitstellen, sondern flexibel auf Produktions- und Lastschwankungen, Extremwetter, Störungen und Angriffe reagieren können. Moderne Stromsysteme entwickeln sich deshalb in Richtung Flexibilität, Speicherintegration, Lastmanagement und netzdienlicher Steuerung. Starre Bandstromproduktion passt strukturell nicht mehr in dieses System: In einem zunehmend photovoltaisch geprägten Markt verschärft sie die sommerliche Mittagsspitze, erhöht den Druck auf Netze, Speicher und Exportkapazitäten und verkleinert den operativen Spielraum für genau jene Flexibilitäten, die Schwab an anderer Stelle zu Recht einfordert. Die ElCom kommt für die Winterreserve zum gleichen Schluss: Sie muss modular und anpassungsfähig wachsen – mit flexibler Wasserkraft, Batteriespeichern, Lastmanagement und CO2-neutralen thermischen Kraftwerken. Kernkraftwerke kommen dafür nicht in Frage, weil sie weder flexibel noch rechtzeitig einsatzbereit sind. Auch sicherheitspolitisch ist Dezentralität kein Makel, sondern ein bewährtes Architekturprinzip: Viele verteilte Produktionsanlagen mit Speichern sind strukturell widerstandsfähiger als wenige zentrale Grossanlagen, die physisch, digital oder logistisch mit vergleichsweise geringem Aufwand getroffen werden können – die Angriffe auf Energieinfrastrukturen in aktuellen Konflikten führen das täglich vor Augen.

Dezentrale Produktion ist kein Subventionsproblem, sondern ein Systempfeiler

Vor diesem Hintergrund greift auch die Kritik an ZEV, lokalen Elektrizitätsgemeinschaften und der Solarförderung zu kurz. Über eine verursachergerechtere Verteilung der Netzkosten – etwa über Leistungstarife – lässt sich sachlich diskutieren; diese Debatte führt die Branche der Erneuerbaren konstruktiv mit. Aber ZEV, vZEV und LEG sind nicht primär Umverteilungsgefässe, sondern Bestandteile des neuen Energiesystems: Hier entstehen heute die Flexibilitäten, das Lastmanagement und die Speicherbewirtschaftung, die das Gesamtsystem morgen braucht. Und der Beitrag der dezentralen Produktion zur Winterversorgung ist grösser, als Schwabs Gastkommentar suggeriert: Der Photovoltaik-Ausbau der letzten Jahre hat bereits signifikant zusätzlichen Winterstrom geliefert und schont in der kritischen Frühjahrszeit die Stauseen. Der Gebäudepark kann seinen Energiebedarf bis 2050 halbieren und zugleich auf Dächern und Fassaden bis zu 70 TWh Solarstrom erzeugen. Beim Ersatz fossiler Heizungen halbieren Effizienz und Sanierung den zusätzlichen Winterstrombedarf von rund 8 auf 4 TWh. Effizienz ist damit der wirksamste – und günstigste – Hebel für die winterliche Versorgungssicherheit. Förderung dort zu konzentrieren, wo der Systemnutzen am grössten ist, ist richtig; den dezentralen Zubau pauschal als «versteckte Subvention» zu diskreditieren, entzieht dem Umbau des Energiesystems ausgerechnet jene breite Investitionsbasis von Haushalten und KMU, die ihn bisher vorwiegend getragen hat.

Kurs halten heisst verlässlich bleiben

Die Zahlen zeigen: Der eingeschlagene Weg trägt Früchte. Die Wasserkraft stabilisiert sich bei rund 45 TWh, die neuen Erneuerbaren können bis 2050 rund 40 TWh beisteuern, und die verbleibenden Winterimporte bleiben im Notfall mit eigenen Reserven bewältigbar. Was die Schweiz jetzt braucht, ist keine Systemdebatte im Rückspiegel, sondern konsequente Arbeit an fünf Hebeln: das Stromabkommen mit der EU, der beschleunigte Netzausbau, der Ausbau der Windkraft mit ihrem wertvollen Winterstrom, Speicher und Flexibilitäten sowie die Energieeffizienz. In all diesen Punkten wird die Strombranche in der Wirtschaft der erneuerbaren Energien eine verlässliche Partnerin finden. Was sich die Schweiz in der entscheidenden Phase der Transformation hingegen nicht leisten kann, ist ein energiepolitisches Zickzack, das laufende Investitionen entwertet und verlässliche Rahmenbedingungen sowie Planungssicherheit zerstört. Versorgungssicherheit entsteht nicht durch die Rückkehr in die alte Energiewelt – sie entsteht, wenn wir das neue Energiesystem entschlossen fertig bauen. Dazu haben uns die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dreimal den Auftrag erteilt.

 

Christoph Schär, Co-Präsident aeesuisse