Die Welt steht Kopf

Letzthin habe ich mit meinem Enkel «verkehrte Welt» gespielt. Sie wissen schon, «ja» wird «nein», «oben» wird «unten», «dick» wird «dünn» und so weiter. Ein lustiges Spiel eigentlich. Doch dann hat es mich nachdenklich gestimmt. Spielt die ganze Welt gerade «verkehrte Welt»? Die Erde brennt, schmilzt, ertrinkt, bei uns in der Schweiz ist die Grillsaison so richtig ins Wasser gefallen. Die Klimakrise ist spür- und erlebbar. Die Schweiz hat die Ziele des Pariser Klimaabkommens ratifiziert, das Netto-Null-Ziel 2050 ist unbestritten, die Ziele der Energiestrategie aber trotzdem verfehlt und das CO2-Gesetz letztlich klar abgelehnt. Die Schweiz ist stolz auf ihre Hochschulen mit internationalem Renommee, traut aber den Aussagen der Klimaforscher:innen und anderen Wissenschaftler:innen trotzdem nicht so richtig. Stimmt nicht, nicht machbar, kostet zu viel, was können wir als kleine Schweiz schon beitragen. «Verkehrte Welt» zu spielen – untätig zu bleiben oder zumindest nur gemächlich voranzuschreiten – scheint auf den ersten Blick vielleicht bequem. Aber ich will mich nicht ausruhen, und die Welt für meinen Enkel verkehrt bleiben lassen.

Ich bin überzeugter denn je, dass sich der Einsatz für eine nachhaltige Energie- und Klimazukunft lohnt. Nicht nur aus Respekt und Fürsorge für unsere Kinder und Enkelkinder. Sondern auch für die Wirtschaft! Die Schweizer Wirtschaft profitiert von der konsequenten Ausrichtung auf eine nachhaltige Zukunft. Für zukunftsorientierte, agile Unternehmen tun sich mit der Energiewende unzählige Chancen auf: Innovationen lassen neue Geschäftsbereiche entstehen, Know-how wird aufgebaut, Investitionen werden getätigt und bleiben in der Schweiz, Unternehmen werden gegründet, Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen, die Schweiz wird unabhängiger vom Ausland und die Lebensqualität nimmt zu.

Das Ziel einer klimaneutralen Schweiz bis 2050 ist erreichbar. Wir haben die für die Transformation des Energiesystems erforderlichen Lösungen. Wir haben auch die Potenziale. Sonne und Wind liefern mehr als wir denken, der Boden gibt Wärme ab, Holz wächst vor unserer Haustüre nach und auch unsere Abfälle wandeln wir in Energie um. Und das sind nur die Potenziale der bereits langjährig erprobten und marktfähigen Technologien. Weitere werden kommen. Es gilt, jetzt konsequent zu handeln. Es gilt, die vorhandenen Potenziale auszuschöpfen, damit unsere Wissenschaft, Wirtschaft, Industrie und Gewerbe die vorhandenen Chancen nutzen können. Und es gilt auch, unsere Sicht von der Erstinvestition alleine auf die gesamten Lebenskosten zu richten. Die tieferen Betriebskosten wiegen nämlich heute schon die teils höheren Erstinvestitionen auf.

Jedes Spiel hat seine Spielregeln, damit klar ist, wie man zum Ziel kommt. Auch die Schweiz braucht ihre «Spielregeln», um zum Ziel zu kommen. Die Schweiz braucht klare und vor allem verbindliche Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Gesellschaft, die den Weg zum Ziel inklusive definierten Zwischenzielen abstecken und allen Teilnehmenden faire Voraussetzungen bieten. Der Weg ist eröffnet. Im letzten Jahr wurden erstmals mehr erneuerbare Heizsysteme als fossil betriebene verkauft! Ein schöner, wichtiger Erfolg! Aber mit Blick auf das grosse Ganze gesehen einfach deutlich zu langsam. Das CO2-Gesetz konnte sich als «Spielregel» zwar nicht durchsetzen, doch die Debatte geht mit der Revision von Energie-, Strom- und Gasversorgungsgesetz direkt weiter. Die aee suisse ist als Dachverband der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz mittendrin. Zurücklehnen und «verkehrte Welt» spielen? Dazu habe ich keine Lust. Mithelfen, dass die Schweiz mit grossen Schritten in eine nachhaltige Energie- und Klimazukunft schreitet, das spornt mich an. Für meinen Enkel und mich, für Wirtschaft und Gesellschaft. Jetzt mehr denn je! Machen Sie mit, lassen Sie uns gemeinsam die Zukunft gestalten. Ich freue mich darauf.

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