18. März 2022

NZZ-Beitrag: Die Energiewende ist nicht zu teuer

Unrealistische Extremszenarien tragen wenig zur realen Energiewende bei. Sie lenken von den eigentlichen Optionen ab. Eine Replik.

Die NZZ berichtete über die Studie von zwei Schweizer Wissenschaftern zur Energiewende mit einem Kompetenzschwerpunkt bei der Wasserstoffspeicherung. Es werden darin drei Extremszenarien untersucht und verglichen: ein strombasiertes Energiesystem (vollständiger Ersatz fossiler Energieträger), ein wasserstoffbasiertes Energiesystem (Substitution fossiler Energieträger durch Wasserstoff) und ein kohlenwasserstoffbasiertes Energiesystem (Substitution fossiler Energieträger durch synthetische Kohlenwasserstoffe).

Mit extremen Grundannahmen kann man überraschende Resultate erzeugen. Das ist auch in diesem Fall gelungen. Doch solch unrealistische Extremszenarien tragen wenig zur realen Energiewende bei. Im Gegenteil: Sie lenken von den eigentlichen Anforderungen bzw. Optionen ab und stiften letztlich Verwirrung. Für die Energiewende braucht es mehrere Stossrichtungen und Massnahmen.

Speicher erforderlich
Die Studie zeigt: Es braucht elektrische und thermische Speicher, kurz- und mittelfristige sowie saisonale. Diese unterschiedlichen Anforderungen sollten durch einen Mix von Technologien erfüllt werden, was durch die Wahl der drei Szenarien nicht abgebildet wird. Die Studie zeigt, dass der Bedarf für Speicherung und Produktion sehr gross und daher mit Umweltauswirkungen verbunden ist; dies, wenn unterstellt wird, dass die Energienutzung einfach so weitergeht, d. h. weder Möglichkeiten für zeitliche Lastverschiebungen noch für starke Effizienzgewinne genutzt werden. Die Studie diskutiert zwar einen Import einiger Energieträger, aber nicht die Frage der Einbindung in das europäische Stromnetz.

Anders als diese Studie hat das Forum Energiespeicher Schweiz (FESS) 2019 eine konkrete und realistische Roadmap für den Aufbau der erforderlichen Speicherinfrastruktur formuliert. Die drei wichtigsten Punkte sind: Erstens die Beseitigung der bestehenden Diskriminierung bei Elektrospeichern: Pumpspeicherkraftwerke zahlen heute kein Netzentgelt; dieses sollte für alle elektrischen (auch Batterie-)Speicher gelten, die den Strom wieder ins Stromnetz einspeisen und nicht selber verbrauchen. Zweitens die Integration sektorübergreifender Speicher: Neben elektrischen Speichern sollen auch saisonale Wärmespeicher oder die Umwandlung von erneuerbarem Strom in synthetisches erneuerbares Gas einbezogen werden. Drittens schliesslich ein dynamischer, engpassorientierter Netztarif: Damit die Speicher zusätzlich zur Netzentlastung genutzt werden, sollte diesen Flexibilitäten ein dynamischer, engpassorientierter (Strom-)Netztarif gezahlt werden. Die heutigen statischen Netztarife bilden lokale temporäre Netzengpässe nicht ab.

Schaden des Nichtstuns
Das Forum Energiespeicher Schweiz unterstützt seit 2015 die Umsetzung der klimapolitischen Ziele der Energiestrategie 2050 und damit ein kosteneffizientes, CO2-freies und erneuerbares Gesamtenergiesystem. Es fungiert als Think-Tank und Dialogplattform von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. In den Arbeitsgruppen sind die schweizerischen Universitäten und die Forschungsstätten im Schulratsbereich ETH, Empa und weitere zusammengeschlossen. Zusätzlich beteiligt sind innovative Industrieunternehmen, die diese Initiative unter dem Dach von der aeesuisse mittragen.

Für das FESS sind bei all diesen Überlegungen denn auch die Erkenntnisse der Computermodulationen der Schweizer Energielandschaft mit der Nexus-e-Plattform des FESS-Partners Energy Science Center der ETH zentral. Im Zieldreieck zwischen Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Sicherheit suchen wir bei der Speicherung ein Optimum. Die Speichersysteme müssen auch netz- und klimadienlich eingesetzt werden. Die Behauptung, die Energiewende sei zu teuer, weisen wir zurück. Beim CO2 wird der Schaden des Nichtstuns viel grösser sein als die Vorsorge.

Thomas Nordmann, Sprecher des Forums Energiespeicher Schweiz (FESS)

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