Ausstieg aus der Holzenergie

Vor 300’000 Jahren erfand der Homo erectus bilzingslebensis in der Gegend des heutigen Thüringens die Holzenergie. Diese Erfindung war dermassen genial, dass sie die Entwicklung der Menschheit bis fast in die Neuzeit überhaupt erst ermöglichte. Heute deckt die «Wärme aus dem Wald» mit einem Anlagenpark von insgesamt 550’000 Heizungen über 10 Prozent des Wärmebedarfs unseres Landes und ist damit hinter den «Auslaufmodellen» Heizöl und Erdgas statistisch die Nummer drei.

Das sollte eigentlich für einen festen Platz in der erneuerbaren Energielandschaft unseres Landes reichen, zumal das Energieholzpotenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Oder doch nicht?

Die Unken kommen oft aus den eigenen Reihen, und ihre Rufe stellen mit unschöner Regelmässigkeit die energetische Nutzung von Holz in Frage. Wie zuletzt 500 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, welche in einem offenen Brief das Schreckensbild von übernutzen Wäldern, dauerhafter Entwaldung und «brennenden Bäumen» hervorrufen und jeglichen Nutzen der Holz-energie zur Reduktion der Treibhausgasemissionen in Abrede stellen. Richten solls vielmehr, sozusagen als klimapolitisches Freilichtmuseum, der ungenutzte Märchenwald.

Dabei war es gerade die Forstwirtschaft, welche die Nachhaltigkeit erfand. Und zwar ebenfalls im Osten von Deutschland. 1732 schrieb Hans Carl von Carlowitz in seiner «Anweisung zur wilden Baumzucht»: «Wird deshalb die grösste Kunst, Wissenschaft, Fleiss und Einrichtung hiesiger Lande darin beruhen, wie eine sothane Conversation und Anbau des Holzes anzustellen, dass es eine continuierliche beständige und nachhaltige Nutzung gebe, weil es eine unentbehrliche Sache ist, ohnwelche das Land in seinem Wesen nicht bleiben mag.» Das Ziel von Carlowitz war es, dauernd Grubenholz für den Bergbau zu liefern, das die Schachtanlagen des Herzogs von Sachsen sicherte. Das von ihm festgelegte Prinzip der Nachhaltigkeit, wonach nicht mehr Holz genutzt werden soll als gleichzeitig nachwächst, ist der wichtigste Grundsatz des Schweizer Waldgesetzes und wird konsequent vollzogen. Das sich Holzenergienutzung und Nachhaltigkeit nicht ausschliessen, zeigt die jüngere Vergangenheit: In der Schweiz hat die Energieholznutzung seit 1990 um über 60 % zugenommen, und der durchschnittliche Holzvorrat pro Hektare ist zwischen 1985 und 2013 von 336 m3 auf 374 m3 angestiegen.

Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung des Klimawandels besteht darin, Energie- und Verkehrssysteme so schnell wie möglich so umzugestalten, dass fossiler Kohlenstoff im Boden verbleibt. Nachhaltige Holzenergie ist sofort verfügbar und mit der vorhandenen Energieinfrastruktur kompatibel, sodass Erdgas oder Heizöl sofort ersetzt werden können. Die Holzenergie kann daher eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Transformation des Energiesystems zur Erreichung der Kohlenstoffneutralität spielen. Der Wald als schönster, grösster und ganzjährig verfügbarer Energiespeicher kann insbesondere den Ausbau saisonaler oder intermittierender erneuerbarer Energien wie Solar- oder Windenergie unterstützen.

Eigentlich ist der Wald wie eine Kuh. Denn bei seiner Nutzung fallen ebenfalls immer «Filets» als auch «Cervelats» an. Die «Filets» gehen als Stammholz in die Holzindustrie und werden zu Möbeln, Holzbauten und anderen hochwertigen Produkten verarbeitet. Diese speichern während ihres Lebens CO2. Am Ende ihrer Lebensdauer werden sie als Altholz energetisch genutzt, wodurch sich fossile Energie ersetzen und Treibhausgase reduzieren lassen. Die «Cervelats» hingegen sind Produkte der Waldpflege und minderwertiges Sturm- und Käferholz, welche mangels höherwertigen Verwendungsmöglichkeiten direkt in die Energieproduktion gehen.

CO2 aus der Verbrennung von Holz ist Teil des kurzfristigen Kohlenstoffkreislaufs. Der emittierte Kohlenstoff wurde zuvor aus der Atmosphäre aufgenommen und wird durch das Wachstum der Bäume im Wald wieder aufgenommen. Solange die Ernte die Kohlenstoffaufnahme im Wald nicht überschreitet, werden die atmosphärischen CO2-Konzentrationen nicht erhöht. Im Gegensatz dazu verursacht der Einsatz fossiler Brennstoffe einen linearen Kohlenstoffstrom von geologischen Speichern in die Atmosphäre. Der blosse Vergleich der CO2-Emissionen am Kamin übersieht diesen grundlegenden Unterschied zwischen biogenem und fossilem Kohlenstoff. In der Schweiz hat die Energieholznutzung seit 1990 um über 60 % zugenommen, und der durchschnittliche Gesamtvorrat pro Hektare ist zwischen 1985 und 2013 von 336 m3 auf 374 m3 angestiegen.

Bäume sind CO2-Speicher. Bäume zu fällen sei demzufolge schlecht für den Klimaschutz. Diese scheinbare Logik greift zu kurz! Insbesondere vernachlässigt sie die Tatsache, dass die Bäume nicht ewig leben, sondern irgendwann absterben, verrotten und dabei klimaschädigendes Methan und Kohlendioxid freisetzen. Holz zu nutzen, zu verbauen und energetisch zu nutzen, bedeutet also einerseits «Outsourcing» von CO2-Speicherung aus dem Wald und zeitliche Verlängerung der Speicherdauer, anderseits ermöglicht es auch die Substitution fossiler Energien. Wird das Holz nicht genutzt, ist keine Substitution möglich, und es wird für die Zukunft eine zusätzliche CO2-Quelle geschaffen. Ein signifikanter Unterschied zwischen einem bewirtschafteten und einem nicht bewirtschafteten Wald besteht im Zuwachs. Ein bewirtschafteter Wald weist einen höheren Holzzuwachs auf, vermag deshalb mehr Kohlenstoff zu binden und leistet so einen grösseren Beitrag an den Klimaschutz als ein nicht bewirtschafteter Wald. Das «Freilichtmuseum Märchenwald» ist zwar eine romantische Vorstellung, nützt aber weder der Klima- noch der Energiepolitik.

Andreas Keel, Geschäftsleiter Holzenergie Schweiz