Erneuerbare Energien

Vorteile statt Vorurteile

Merkblätter für die Branchen

Energiestrategie 2050

MITMACHEN

Werden Sie jetzt Mitglied der AEE SUISSE!

MITMACHEN

Werden Sie Partner der AEE SUISSE

Kantone

Die AEE SUISSE ist in 16 Kantonen präsent

Fokusthema Bauwirtschaft: Verdichtung

Ziele und Forderungen der AEE SUISSE

Bauzonen werden in Zukunft nachhaltiger genutzt. Dabei berücksichtigt die nötige Verdichtung die Bedürfnisse der Menschen sowie ihre Lebensumstände.

  1. Als Mittel gegen die Zersiedelung müssen bestehende Siedlungen weiterentwickelt und nachverdichtet werden. Hierfür ist eine Vereinfachung bei der Erhöhung der Ausnutzung notwendig.
  2. Die Stossrichtung des revidierten Raumplanungsgesetzes muss konsequent weiterverfolgt werden, um die Zersiedelung einzudämmen. 

  3. Es gilt, vorhandene Bauzonen nachhaltig zu nutzen und weitere Einzonungen zu vermeiden.
  4. Bewilligungen für Bauten ausserhalb der Bauzone sollen nur in absoluten Ausnahmefällen erteilt werden. 

  5. Die Innenentwicklung von ländlichen Siedlungskernen muss – mit Rücksicht auf Identi- tät und Baukultur – gefördert werden. 

  6. Die Nachverdichtung in Städten ist sinnvoll, muss aber gleichzeitig die Bedürfnisse und Lebenssituation der Bewohnerinnen und Bewohner berücksichtigen und in hoher Qualität vorgenommen werden. 

  7. Die Mobilität muss von Beginn an in der Planung berücksichtigt werden. Der Fokus liegt dabei darauf, die Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner abzudecken und gleichzeitig zusätzlichen Strassenraum zu vermeiden.

Stetes Bevölkerungswachstum

Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz wächst schnell. Gleichzeitig erhöht sich der Flächenbedarf pro Einwohner. Das hat zur Folge, dass immer mehr Land beansprucht wird. Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Land überbaut. Das ergibt pro Tag eine Fläche von ungefähr acht Fussballfeldern.

Entwicklung Wohnbevölkerung in der Schweiz

1979 - 1985, in Mio.

6,453

1992 - 1997, in Mio.

7,034

2004 - 2009, in Mio.

7,567

Entwicklung Wohnfläche pro Person

1979, in qm

34

2014, in qm

45


Interview mit Matthias Thoma

Verdichtung ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Matthias Thoma, Raumplaner, Stadtplaner und Leiter Bereich Raum- und Standortentwicklung bei Ernst Basler + Partner, gibt Auskunft.

 

AEE SUISSE: Zersiedelung und Verdichtung – was genau Bedeuten diese Begriffe?

Zersiedelung beschreibt eine disperse Siedlungsentwicklung, welche die Landschaft baulich stark beansprucht, ohne sie wirklich sinnvoll auszunutzen. Dadurch entstehen hohe Infrastrukturkosten und ein hohes Verkehrsaufkommen und es gehen wertvolle Flächen für die Landwirtschaft oder die Natur verloren. Beim Thema Verdichtung unterscheidet man in der Fachwelt zwischen baulicher Verdichtung – also dem Beton –, sozialer Dichte – der Anzahl Menschen an einem Ort – und der Interaktionsdichte, bei der es um den privaten und beruflichen Austausch unter Menschen geht.

Weshalb ist diese Unterscheidung wichtig?

Weil es durchaus vorkommt, dass man vor lauter baulicher Verdichtung gar nicht bemerkt, dass die soziale Dichte an einem Standort gar nicht zugenommen, manchmal sogar abgenommen hat. Wir kennen Beispiele von Ersatzneubauten, die zwar zwei Geschosse höher sind, aber durch grössere Wohnungen keine höhere soziale Dichte erzielen.

Man möchte doch aber auch keine «Chüngeliställe» bauen, oder?

Es kommt immer darauf an, ob man Verdichtung qualitativ hochwertig umsetzt oder nicht. Und das betrifft nicht nur die bauliche Seite. Die meisten Menschen schätzen ja Altstädte oder Innenstadtquartiere, weil sie lebendig sind und, wie man sagt, funktionieren. Dass gerade diese Quartiere meist sehr dicht sind, stört kaum jemanden, da sie eine spannende Nutzungsmischung aufweisen. Man muss zudem auch Rückzugsmöglichkeiten für diejenigen einplanen, die nicht ständig mitten im Trubel sein wollen. Menschen fühlen sich in einer sozial dichten Umgebung wohl, beanspruchen aber auch Privatsphäre. Darauf baulich angemessen zu reagieren, ist eine Herausforderung.

So oder so sehen viele Menschen die voranschreitende Verdichtung kritisch.

Man hat hier vor allem die nicht so gelungenen Projekte vor Augen, je nach Generation vielleicht sogar die Plattenbau-Siedlungen der ehemaligen DDR. Deswegen noch einmal: Es geht nicht darum, alles so eng wie möglich zu verbauen, sondern die notwendige Verdichtung mit Qualität – unter anderem mit gut nutzbaren Aussen- und Freiräumen – und Umsicht umzusetzen.

Ist das denn möglich beim enormen Tempo, mit dem derzeit gebaut wird?

Am Ende möchten die Bauherren ihre Immobilien ja verkaufen oder vermieten können. Und dafür muss eine Nachfrage vorhanden sein. Aber es stimmt schon: Momentan befinden wir uns in einer wahrscheinlich auslaufenden Boomphase im Wohnungsmarkt, in der fast alles, was gebaut wird, vom Markt absorbiert wird. Wie gefragt die heute realisierten Bauten in 10 oder 20 Jahren noch sind, wird sich zeigen. Dann sind die Objekte nicht mehr neu und auf dem neusten Stand der Technik; dann wird es darauf ankommen, ob das Drumherum des Wohnkonzepts eine dauerhafte Wertigkeit hat.

Und wo führt dieser Bauboom hin?

Alles in allem zu einer zunehmenden Wohndichte, so viel ist klar. Wie genau sich das Ganze ausgestalten wird, bestimmen einerseits das teilrevidierte Raumplanungsgesetz, andererseits aber auch die Kantone und Gemeinden, die für dessen Umsetzung zuständig sind. Verhältnisse wie in Japan oder Manhattan wird es hierzulande nicht geben. Die Schweiz muss und wird auch hier ihren eigenen Weg finden – zumal es ja schon jetzt nicht so ist, dass die Schweiz in weiten Teilen sehr dicht besiedelt ist.

Aber in Siedlungszentren müssen wir uns an Ansammlungen von Hochhäusern gewöhnen?

Es ist ein Irrglaube, dass Hochhäuser und Wohndichte in einem absoluten Zusammenhang stehen. Zumindest in der Schweiz gibt es Regeln wie Abstandsvorschriften oder Dichtevorschriften. Sie verhindern, dass Verhältnisse wie in Japan entstehen. Typischere Beispiele für dichte Überbauungen sind in der Schweiz die Altstädte und auch Blockrandbebauungen. Beide haben eine enorme Wohn- und Lebensqualität.

Und sind solche dichten Siedlungsformen tatsächlich nachhaltiger?

Dichte Siedlungsformen begünstigen natürlich die nachhaltige Mobilität, da diese Überbauungen meist gut ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen und nahe bei Versorgungsangeboten sind. Damit lassen sich Wege vermeiden oder auf den öffentlichen Verkehr umlagern. Auf der anderen Seite sorgen die in der Regel kleineren Wohnflächen, effiziente Haustechnik und das optimale Ausnutzen von Bausubstanz und -material letztlich für einen geringeren Energieverbrauch. Was die soziale Nachhaltigkeit angeht, können disperse Wohnstrukturen übrigens ebenso vorteilhaft sein wie verdichtete; das eine oder andere zu idealisieren, wäre verkehrt. Man denke nur an ländliche Gegenden, in denen der Austausch unter den Menschen – oder eben die Interaktionsdichte – sehr gross ist.

Kann Verdichtung wirklich die Zersiedelung stoppen?

Es wird immer ein Bedürfnis nach Einfamilienhäusern im Grünen geben. Und es wird auch noch lange Gemeinden mit ausreichend Bauland geben, die dieses Bedürfnis gern befriedigen. Die aktuelle Gesetzgebung übt aber zumindest einen verstärkten regulatorischen Druck aus. Zudem darf man die gesellschaftlichen Trends nicht ausser Acht lassen. Derzeit ist es zum Beispiel stark gefragt, in einem urbanen Umfeld mit kurzen Wegen zu wohnen, auch wenn das möglicherweise weniger Raum für den Einzelnen bedeutet.

Und könnte die Zersiedlung rückgängig gemacht werden?

Die bisherige Zersiedelung rückgängig zu machen, ginge nur bei schrumpfenden Bevölkerungszahlen. Und davon sind wir in der Schweiz weit entfernt.

Beim Bauen sind viele Akteure involviert, die auch immer eigene Interessen verfolgen. Kann es so gelingen, einheitliche Strategien zu entwickeln?

Ich weiss nicht, ob es so etwas überhaupt braucht. Das Raumplanungsgesetz gibt einige allgemeingültige Regeln vor. Die Kantone können ihre jeweiligen Haltungen und Ansichten innerhalb dieses Spielraums ausgestalten; die Gemeinden auf ihrer Ebene ebenso. Das Resultat ist die Vielfalt, welche die Schweiz heute ausmacht. Die Schweiz funktioniert meiner Ansicht nur auf diese Weise: durch den Dialog der verschiedenen Ebenen und Akteure.

Wie verdichtet man denn nun sinnvoll?

Wir empfehlen den Gemeinden jeweils, zuerst eine Strategie zur Innenentwicklung zurechtzulegen: Welche Gebiete sind identitätsstiftend und sollen möglichst unverändert erhalten werden? Welche Gebiete eignen sich zur substanziellen Verdichtung? Dann gilt es, für einzelne Quartiere Zukunftsbilder zu entwickeln, die den Rahmen für künftige Bauprojekte vorgeben. Dafür gibt es mittlerweile ganz unterschiedliche Instrumente und Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte man sich entscheiden, auf einem bestimmten Areal das gewohnte Überbauungsmuster – beispielsweise Blockrandbauten – beizubehalten, diese aber zeitgemäss zu redimensionieren. So wird der Charakter des Areal sozusagen in eine nächste Generation überführt.

Das klingt einfach, aber ist es das auch?

Raumplanung wurde in den letzten Jahren viel komplexer und aufwändiger. Innere Verdichtung ist anspruchsvoller als das Bauen auf der grünen Wiese. Ein grosses Problem ist, dass viele Gemeinden mit diesen Raumplanungsaufgaben derzeit überfordert sind. Es fehlt manchmal an Ressourcen und Kompetenzen – was gerade bei kleinen Gemeinden natürlich keine Kritik sein soll. Die Planungslandschaft hat sich einfach verändert. Hier stehen dann externe Raumplaner wie «Ernst Basler + Partner» mit Rat und Tat zur Seite.

Zersiedelung schreitet voran

Es wird immer mehr Land beansprucht: Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter überbaut. Das ergibt pro Tag eine Fläche von ungefähr acht Fussballfeldern.

Laut einem Monitoring des Bundesamts für Raumentwicklung ARE stehen heute 24 % aller Gebäude in der Schweiz – rund 600'000 – auf Terrain, das nicht als Bauzone definiert ist. Doch grundsätzlich ist Bauen in der Schweiz nur in Bauzonen erlaubt. Sie belegen eine Gesamtfläche von rund 228’480 Hektaren, fast die Hälfte davon sind Wohnzonen. Die Bauzonen sind zu über 80 % bereits überbaut. Die Unterschiede sind jedoch beträchtlich; die grössten Reserven bestehen oft nicht dort, wo die grösste Nachfrage besteht.

Anteil der nicht überbauten Bauzonen 2012 nach Kantonen (nach Annahme «minimale Werte»)

Quelle: Bauzonenstatistik Schweiz 2012 (ARE, 2013)

«Siedlung und Landschaft sind vielerorts kaum mehr zu unterscheiden; deshalb auch die Wahrnehmung, das Mittelland sei ein durchgehender Siedlungsbrei», scheibt der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA). Einzonungen von Bauland lassen die Zersiedelung der Schweiz voranschreiten. Unter Zersiedelung versteht man das unstrukturierte Wachstum von bebauten Flächen. Die Zersiedelung wird als umso grösser wahrgenommen, je mehr gebaut wird, je verstreuter gebaut wird und je geringer die Ausnützung der bebauten Flächen ist.

Wachstum nach innen

Unbebaute Flächen ausserhalb der Bauzonen sind für die landwirtschaftliche Produktion, als Erholungs- und als Lebensraum für Fauna und Flora von grosser Bedeutung. Es ist in Fachkreisen deshalb unbestritten, dass die Siedlungsentwicklung nach innen gerichtet sein muss, um die Zersiedlung der Landschaft einzudämmen und das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum aufzufangen. Das heisst, die zur Verfügung stehenden Bauzonen müssen nachhaltig und optimal genutzt werden. Es ist effizienter und ökologischer, an vorhandene Infrastruktur anzuknüpfen und diese nötigenfalls auszubauen, als neue Gebiete zu erschliessen. Die Innenentwicklung kann durch Aufstockungen, das Schliessen von Baulücken, Ergänzungsbauten und Ersatzneubauten mit besserer Ausnützung erreicht werden. Die Verdichtung muss allerdings hohen Qualitätsansprüchen und den Bedürfnissen der Nutzenden genügen, um einen Verlust an Lebensqualität zu verhindern. Gut durchmischte Nutzungen, genügend Grün- und Erholungsflächen sowie eine gute Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr sind Kriterien für die sinnvolle Innenentwicklung.

Revidiertes Raumplanungsgesetz

Auf nationaler Ebene schuf die erste Teilrevision des Raumplanungsgesetzes vom Mai 2014 die Rahmenbedingungen für eine Siedlungsentwicklung nach innen. Ziele sind «ein sorgsamer Umgang mit dem Boden» und «kompakte Siedlungen», Bauzonen sollen in Zukunft massvoll festgelegt und Siedlungen sollen nach innen verdichtet werden.

Die Kantone sind für die Umsetzung der Revision innerhalb von fünf Jahren zuständig. In ihren Richtplänen müssen sie sicherstellen, dass ihre Bauzonen dem Bedarf der nächsten 15 Jahre entsprechen. Die zweite Etappe der Revision ist im Gang. Lesen Sie hier mehr dazu.

Laut dem Bundesamt für Raumentwicklung ARE stehen heute rund ¼ aller Gebäude in der Schweiz auf Land, das nicht als Bauzone definiert ist. Der SIA fordert zusätzlich zur Revision des Raumplanungsgesetzes weitere Massnahmen:

  • Bauen ausserhalb der Bauzonen muss restriktiver als heute gehandhabt werden.
  • Mit raumplanerischen Strategien soll sichergestellt werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit der wirtschaftlichen Ballungszentren Bern, Basel, Zürich und Arc Lémanique erhalten bleibt.
  • Grundsätzlich soll für jeden Ort auf Basis von Ist-Analysen geprüft werden, ob er sich für eine weitere Entwicklung nach innen eignet. Werkzeuge dazu bieten die ETH Zürich mit «Raum +» oder der Kanton Luzern mit seinem Bauzonenanalysetool.
Nachhaltige Nutzung der Bauzonen

Der SIA mahnt, dass eine Revision des Raumplanungsgesetzes zwar nötig und wichtig ist. Damit sie aber nicht zu kurz greift, braucht es weitere Massnahmen. So sei es zum Beispiel nötig, das Bauen ausserhalb der ausgewiesenen Baugebiete deutlich restriktiver zu handhaben als bisher. Ausserdem sei es unerlässlich, die Hauptstadtregion Bern sowie die Metropolitanräume Basel, Zürich und Arc Lémanique als «Handlungsräume von nationaler Bedeutung» zu behandeln und sicherzustellen, dass die Leistungsfähigkeit, Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit dieser wirtschaftlich bedeutenden Räume mit raumplanerischen Strategien gewährleistet blieben. Grundsätzlich soll für jeden Ort geprüft werden, ob er sich für eine weitere Entwicklung nach innen eignet. Zur quantitativen Analyse des Ist-Zustands können Gemeinden auf Werkzeuge wie das von der ETH Zürich entwickelte «Raum +» oder das Bauzonenanalysetool des Kantons Luzern zurückgreifen.

Platzverbrauch verringern

Seit den 1980er-Jahren wird in der Schweiz pro Kopf immer mehr Wohnraum beansprucht.

1980, in QM

34

1990, in QM

39

2000, in QM

44

2013, in QM

45

Quelle: Statistik Schweizer Städte 2015, BFS

Vor allem in mittleren und kleinen Städten und Dörfern ist die Wohnfläche pro Person oft überdurchschnittlich gross; in Ballungszentren und den grössten Schweizer Städten liegt sie zuweilen deutlich unter dem Landesmittel.

  Wohnfläche pro Person in QM Belegungsdichte
(Personen pro Wohnung)
Wohndichte
(Personen pro Zimmer)
Basel 41 1,9 0,62
Bern 39 2,0 0,66
Genf 37 2,0 0,76
Lausanne 37 2,0 0,69
Winterthur 43 2,2 0,61
Zürich 39 2,0 0,67
Lugano 46 2,1 0,61
Luzern 45 1,9 0,58
St. Gallen 44 2,0 0,56
Schweiz 45 2,3 0,60

Quelle: Statistik Schweizer Städte 2015, Durchschnittsangaben für 2013

Diese Entwicklung zu immer mehr Wohnraum muss gebremst werden, um die Zersiedelung einzudämmen. Allerdings lässt sich die individuelle Nachfrage nach Wohnraum kaum steuern. Genossenschaftlich organisierte Wohnprojekte wie die Kalkbreite in Zürich versuchen, den Platzbedarf des einzelnen über eine flexible Wohnraumnutzung zu verringern. Dadurch, dass sich in Cluster-Wohnung mehrere Bewohnende Infrastruktur-Wohnteile wie Küche und Essraum teilen, gelingt es, dort die Wohnfläche pro Person auf 35 m2 zu beschränken, ohne dass die Lebensqualität darunter leidet – eine Fläche, wie sie auch visionär denkende Vereinigungen wie «Neustart Schweiz» als Maximum propagieren.

Suurstoffi Areal Ost

Text: Bob Gysin + Partner BGP

Beim Bahnhof Rotkreuz entsteht in kürzester Zeit auf den Arealen Suurstoffi West und Ost auf einer rund 100.000 m² großen Parzelle ein neues Quartier, realisiert durch die Zug Estates AG. Der Standort ermöglicht verschiedenen Verkehrsträgern eine hohe Mobilität, womit gleichzeitig die hohe Attraktivität als Wirtschafts- und Wohnstandort wächst. Solche großflächigen Entwicklungen innerhalb einer kurzen Zeitspanne bringen andere Aufgaben und Anforderungen an Nachhaltigkeit mit sich als das Bauen in langsam wachsenden Strukturen. Ein Gespür für die zeitliche Dimension sowie das Mitdenken von Spielräumen und Appropriationsprozessen sind essenziell.

Für den östlichen Arealbereich wurde ein Masterplanverfahren veranlasst, dessen siegreiches Projekt die Grundlage für den Bebauungsplan Suurstoffi Ost bildete. Dieser Bebauungsplan wurde im Rahmen einer Testplanung mit verschiedenen Teams hinsichtlich Identität, Struktur, Typologie und anderem konkretisiert und von BGP gewonnen. Die vorgegebenen Rahmenbedingungen sind anhand unterschiedlicher Nutzungsszenarien und städtebaulichen Setzungen ausgelotet worden, um den Spielraum zur Gestaltung von abwechslungsreichen Bebauungslösungen umfänglich zu erfassen. Neben der volumetrischen Einfügung in die Umgebung sind gesellschaftliche Aspekte relevant: Um die Akzeptanz und die Nutzbarkeit der geschaffenen Flächen von Bewohnerinnen und Bewohnern, Nutzerinnen und Nutzern zu erhöhen, ist die Ausbildung spezifischer Innen- und Außenräume mit hoher Aufenthaltsqualität und einer vielfältigen räumlichen Differenzierung notwendig. Dazu gehören neben der klaren sozialen Zonierung und der Vermeidung von reinen Abstandsflächen eine gute Orientierung und Adressbildung sowie der differenzierte Einsatz von Besonnung und Verschattung und die Schaffung identitätsstiftender Aussenräume.

Sechs Gebäude besetzen den Rand des Geländes und spannen einen zentralen Freiraum auf, das Wohnhochhaus steht als Solitär an der Schnittstelle zum Areal West. Die flexible Nutzbarkeit der Geschossflächen und der CO2-freie Betrieb sorgen für die ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit. Ergänzend wurden im Innern stimulierende Räume für Hochschul- und Dienstleistungsnutzungen und unterschiedliche Wohntypologien entwickelt, die generationenübergreifend und für unterschiedliche soziale Schichten geeignet sind.

In einem ersten Schritt werden drei Gebäude entlang der Bahngleise erstellt. Die Neubauten – zwei davon Hochhäuser – setzen die Silhouette des Ost-Areals stimmungsvoll fort. Jedes Gebäude hat einen eigenen Charakter, allen gemeinsam ist ein Sockel mit öffentlichen oder gewerblichen Nutzungen – in zentraler Lage eine Voraussetzung für eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung. Die große Planungsflexibilität sowohl im Entwurf als auch bei der baulichen Umsetzung wurde durch eine Skelettbauweise mit nichttragenden Innenwänden und Fassaden ermöglicht. Die Photovoltaikanlagen befinden sich jeweils oberhalb der begrünten Dachflächen und - erstmalig auf dem Areal - bei einem der Gebäude zusätzlich in der Fassade.

Ein übergeordnetes und verbindliches Energiekonzept besteht für das Gesamtareal Suurstoffi. Die Grundlage hierfür bildet ein Parzellenübergreifendes Anergie-Netz (kühles Fernwärmenetz) auf Basis von unterhalb der Gebäude platzierten Erdsondenfeldern Im Winter wird aus den Erdsonden Energie entnommen, im Sommer wird die Überschusswärme vom Dach oder aus den Büro- und Wohnräumen eingelagert und gespeichert. Dieses System ist in der Lage, nicht benötigte Wärme zu speichern und effizient zwischen sämtlichen Gebäuden auszutauschen. Beispielsweise produzieren die Computer in den Büros das ganze Jahr über Abwärme, die für das Beheizen und Kühlen der Nutzflächen oder für das Warmwasser verwendet werden kann. Die gemischte Nutzung kann dabei als wesentlicher Vorteil ausgespielt werden.

Auf der Gebäudeebene wird der hohe energetische Standard des Quartiers durch kompakte Bauformen mit energetisch hochwertigen Gebäudehüllen in Kombination mit effizienter Energiebereitstellung und Einsatz von Photovoltaikanlagen weitergeführt. Die im Quartier installierten Photovoltaikanlagen generieren einen Jahresertrag, der den Energiebedarf für Raumwärme, Warmwasser und Kühlen sowie den Betrieb des Aneregienetzes abzudecken vermag.

Nachhaltigkeit wird als ein umfassender, kontextueller und prozessorientierter Ansatz verstanden. Der Gedanke dahinter ist, dass die vielfältigen Anforderungen und Aspekte des nachhaltigen Bauens nicht mit Hilfe von Technologie nachträglich appliziert werden, um mit ihrer Hilfe die negativen Auswirkungen einer ersten gestalterischen Idee zu minimieren.

Um ein Gebäude als Gesamtsystem zu entwickeln, wurden geltende Herangehensweisen hinterfragt und die Gebäude als Teil der globalen Stoffkreisläufe betrachtet. Wärme- und Strombedarf sind auf ein absolutes Minimum beschränkt und beruhen auf dem Low-Exergie-Ansatz. Statt High-Tech steht die umfassende Nutzung der lokal verfügbaren regenerativen Energiequellen mit Hilfe einer intelligenten Kombination aus passiven und aktiven Massnahmen im Vordergrund.

Das Suurstoffi Areal Ost zeigt exemplarisch, dass das Planen in gewachsenen und intakten städtebaulichen Gefügen von der Regel immer mehr zur Ausnahme wird. In den verdichteten Kernzonen vieler Städte und Gemeinden sind auf städtebaulicher Ebene häufig nur kleine und präzise Eingriffe notwendig, um eine Verbesserung der bestehenden Situation zu erreichen. Der Großteil der Aufgabenstellungen befindet sich in den heterogenen und oft identitätsarmen Strukturen unserer Ballungsräume oder auf zu transformierenden ehemaligen Industriearealen mit ihren großmaßstäblichen Ordnungen. Hier bedarf es einer vertieften Recherche und identitätsstiftender Strategien, sei es durch den Neubau selbst oder in Kombination mit dem Aufwerten und Vernetzen bestehender Strukturen.


Download AEE SUISSE Broschüre Bauwirtschaft 2016

AEE SUISSE_Brosch_Bauwirtschaft 2016.pdf (5,1 MiB)