Erneuerbare Energien

Vorteile statt Vorurteile

«Mehr Schub für die Energiewende»

AEE SUISSE Kongress 2020

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Epochaler Wandel ist fällig. Doch wer macht mit?

Wende. Paradigmenwechsel. Tönt prima – theoretisch. In der Praxis hapert es. Weil wir die Rechnung ohne den Menschen machen. Wir fragen: Was wissen wir (etwa zum Klima)? Was können wir (Technik)? Was wollen wir (Politik)? Was aber ist mit dem Menschen los? Zieht er mit – oder bockt er? Meine Frage.

Der epochale Wandel ist fällig – keine Frage. Nur: In unseren Köpfen nisten Denkweisen des 19. Jahrhunderts. Damals atmete die Natur frei, die Welt war quasi «leer». Dann begannen wir, sie zu füllen: mit Industrie, mit Verkehr, mit Konsum, mit Wohlstand etc. Heute ist sie voll, verstopft: sechs Milliarden mehr Menschen, Massenkonsum, Massentourismus, Ressourcen geplündert, Himmel versaut, Debakel bei Klima, Biodiversität.

Klar ist: Mit Denkweisen, die uns da hineinmanövrierten, schaffen wir es nicht hinaus. Das Denken der «leeren» Welt taugt nicht für unsere «volle». Darum «Paradigmenwechsel». Paradefall Energiewende: erneuern statt verpulvern. Alles auf zirkulär. Eigentlich klassisch evolutionär: Anpassung an neue Umstände. Doch manche wollen umgekehrt die Umstände ihren Dinosaurier-Wünschen anpassen. Siehe Verkehr: Es wird stets enger – nur die Autos werden stets grösser, muskulöser, kräftiger.

Mit antiquierter Mentalität kein Wandel. Wie bei Schulreformen: An Strukturen herumschrauben bringt nichts, wenn die Seelen der Lehrerinnen nicht mitziehen. Seit wann reden wir über Grenzen des Wachstums? Eben. Was ist passiert? Gemessen an der Drastik der Schlamassel: praktisch nichts. Wie das? Unsere Mentalität ist von gestern. Lässt sich das ändern? – Drei Überlegungen.

I. Prinzip Selbstachtung. Handeln aus Stolz, ein Mensch zu sein.

«Die Menschen lieben den Fortschritt», sagte Voltaire, «doch sie hassen die Veränderung.» Für den Wandel sind wir gern zu haben – doch bitte ohne, dass ich meine Gewohnheiten ändern muss. Typisch Mensch. Einsicht genügt nicht. Emotionen wie Furcht und Hoffnung leiten unser Tun, sagt Aristoteles, nicht die Vernunft. Tiere schalten in Krisen direkt auf Veränderung. Blattläuse etwa scheiden, wenn die Wirtspflanze krankt, einen Stoff aus, der die Gene so aktiviert, dass die nächste Generation mit Flügeln aufwacht. Die geflügelten Blattläuse ziehen weg zu einer neuen Wirtspflanze. Automatische Mutation. Wandel perfekt. Ungemein praktisch.

Menschen ticken komplizierter. Wir müssen Gefallen kriegen am Wandel, sonst passiert nichts. Ich bin selber so ein Dinosaurier, ich wohne im 12-Zimmer-Hause, heize mit Öl. Doch eines Tages realisierte ich, dass jeder von uns täglich zwei Kilo Müll in die Welt setzt – und da ist etwas passiert, in mir drin, nein, dachte ich, nicht mit mir, ich bin doch nicht der Hanswurst der Verpackungsindustrie. Seither trenne ich Abfall peinlichst, stelle um auf Zero-Waste. Meine Freunde quittieren das so: Toll, Ludwig, aber du weißt, damit rettest du die Welt auch nicht. Ich entgegne: Klar – aber mich! Ich rette meine Selbstachtung. Ich will Person sein, kein Rädchen der Überflussgesellschaft. Es geht mir nicht ums Bravsein, das kann mir gestohlen werden, mir geht es um den Stolz der Souveränität. Um die Lust am Autarksein: Ich mache nicht jeden Stumpfsinn mit, den ich im Grunde zum Kotzen finde.

Das motiviert ganz anders als blosses Wissen: der Geschmack an Freiheit. Hey, das ist meine Welt. Es kommt auf mich an. Ich bin nicht euer nützlicher Idiot. Seither frage ich: Kriegen wir die Kurve nur, wenn wir in diese persönliche Souveränität zurückfinden? In eine Haltung, die den Epochenwandel nicht zähneknirschend bloss akzeptiert, ihn vielmehr will, ja begehrt, weil er meine Würde reanimiert, diesen Stolz, ein Mensch zu sein, nicht nur Partygänger auf Erden, Verbraucher der eigenen Lebenschance, Konsum-Zombie. Breitete sich dieser Appetit auf Selbstachtung aus, wäre der fällige Wandel gesichert, wir würden individuell vorantreiben, was Not tut, aus Neigung, nicht auf Befehl, sozusagen aus Vergnügen an Kants Kategorischem Imperativ: weil ich dann handle, wie ich erwarte, dass alle handeln sollen.

Ist das realistisch? Nein. Siehe Corona: 75 % forderten die Maske für alle im ÖV. Wie viele trugen eine? 3 %! Ausgerechnet wir Original-Republikaner verlangen, die Regierung müsse befehlen, was wir richtig finden. Ohne Befehl tun wir es nicht, keiner will der Dumme sein. Dann lieber Gehorsam statt Verantwortung. Das Prinzip Selbstachtung ergreift die Massen also kaum. Wollen wir den Wandel nicht verpassen, müssen wir ihn anders anpacken. Es bleiben zwei Varianten. Zunächst (II): Wir könnten die Wende rein technisch organisieren. Sodann (III): Wir könnten (statt auf Einsicht) auf Verführung schalten.

II. Prinzip Technik. Wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit

Ist auf uns Menschen kein Verlass, muss Technik es richten. Insgeheim hoffen wir, irgendein Geniestreich würde den Schlamassel beheben. Toll ist etwa die Nachricht von der Wachsmotte Galleria mellonella: Sie frisst Wachs – und Plastik, was kein Wunder ist, denn Wachs ist eine natürliche Art von Plastik, chemisch ähnlich dem Polyethylen. Also: Motten züchten – Plastikberge gibt es genug zur Nahrung. Dito Bienensterben: Japanische Forscher bestäuben Pflanzen per Seifenblase; hapert noch, doch wir glauben gern daran. Dito CO2-Ausstoss: Einfach zurücksaugen! Carbonschlürfer (Firma Climeworks) holen Kohlendioxyd aus der Luft, pumpen es in Gewächshäuser, als Pflanzentreiber.

Die Verheissung technischer Entsorgung: Wir könnten unseren Lebensstil fortsetzen – neu mit gutem Gewissen. Tendenz wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit. Wir ähneln Kindern, die leidenschaftlich ihre Kleider verdrecken, weil sie wissen, sie werden sogleich frisch gewaschen. Fernziel Sorglosigkeit: Ungehemmte Konsumgesellschaft als selbstreinigendes System.

Die Energiewende verfolgt dazu die seriöse Variante: Dreck verhindern - statt Dreckwäscherei. Grüne Energie, alles auf erneuerbar, inklusive zirkuläre Wirtschaft. Famos. Ist damit der Planet gerettet – oder unser Lifestyle?

«Mehr Schub» für die Wende fordert diese Tagung. Bitte auch mehr Schub in den Köpfen. Es mag da und dort an (politischem) Willen mangeln. Schlimmer wäre die Selbstgenügsamkeit der Reform-Fraktion. Als könnten wir schon glücklich sein mit den verfügbaren «Alternativen». Keine dieser Techniken ist wirklich «erneuerbar». Solaranlagen brauchen Kupfer, Windräder Stahl, Biogas riesige Felder. Aus nichts wird nichts. Vertrauen wir exklusiv auf diese Technologien, läuft unsere Zukunft spätestens dann ab, wenn die letzte Mine ausgebeutet, der letzte Wald in Acker verwandelt ist …

Nötig ist mehr als Wille und Subvention: mehr Wissen. Wer eh nichts weiss, kann sich gar nicht vorstellen, wie wenig wir wissen: über Energietransport, über das Verhältnis von Materie, Licht, Elektrizität, über verschmelzende Atomkerne. Ja, auch über neuartige Atomreaktoren sollten wir mehr wissen wollen: zum Beispiel Kernenergie auf der Basis sog. Flüssigsalzreaktoren. Kurz: Wenn schon technische Entsorgung, dann bitte schlauer als heute.

III. Prinzip Green Glamour. Wie die Wende begehrenswert wird.

Selbst wenn es mit rein technischer Entsorgung klappen könnte – es wäre eine glatte Kapitulation des Menschen. Darum sollten wir die widerspenstigen Seelen doch irgendwie für den Wandel gewinnen wollen – wo nicht durch Einsicht, so halt durch Verführung, frei nach Wilhelm Busch: «Tugend will ermuntert sein, / Bosheit kann man schon allein.» Dummerweise dominiert das Gegenteil von Ermunterung: Abschreckung. Kaum ist vom Wandel die Rede, leuchtet auf «Achtung Verzicht!» Früher glänzte die Zukunft, sie war eine Hymne an Veränderung – alles wird besser, lustiger, bequemer. Heute wirkt Zukunft dunkel: Klima, Migration, Ressourcen geplündert, Wasser knapp, Krieg um die Reste, KI … Schaffen wir nur durch Verzicht: knapp Fleisch, kein Flug, null Shopping-Plausch, kein Plastik, kein SUV …

Welche Motivation für Wandel! Daher der Zynismus heute. Hey, wir wollen jetzt leben. Her mit dem Steak. Wochenende in New York. Mit 600 PS durch die Gegend brettern. Es ist viel Trotz da drin. Subkutan wissen wir schon, dass etwas faul ist. Aber aufhören damit? Verzichten? Haben wir nicht gelernt. Lieber keine Zukunft als eine triste. Am liebsten wäre uns eh Fristerstreckung der Gegenwart. Die Ölvorräte reichen schon, solange wir leben.    

Darum flicken wir, wo wir erneuern könnten. Streiten um alte Zöpfe, ein paar Parkplätze, Tempo 30, mickrige Velostreifen. Wo ist die Vista einer Mobilität, die wirklich mobil wäre, statt Staus und Höllenlärm zu produzieren? Wo ist die Fantasie – Magnetbahn, Digitalisierung –, wie wir uns heiterer bewegen könnten, eleganter, freundlicher, farbiger? Dito wohnen. Dito arbeiten.

Der grösste Feind der Zukunft ist eine beliebte Gegenwart. Wir können uns dann keinen Ort vorstellen, der mindestens so erstrebenswert wäre wie der Status quo. Selbst wenn die Wende einleuchtet: Wo ist eine Story, eine Erzählung, wie das künftige Leben glücklich aussehen könnte? Wo sind Bilder einer Zukunft, von der die Leute sagen würden: Super, ja, da will ich hin, das bringt uns voran, da mach ich mit.

Zwar kommt derzeit «Gaia» ins Spiel, als Gegenentwurf zu Darwin: Kooperation/Kollaboration versus Konkurrenz. Es bleibt jedoch Konzept ohne Anschauung. Verführung braucht sinnliche Erfahrung. Green Glamour müsste das Bussgewand vertreiben. Warum nicht mit E-Mobilität? Die ist technisch noch nicht das Nonplusultra, immerhin verändert sie die Tonalität der Mobilität, das ist schon viel, Schluss mit Dauerlärm und Aggressivität. Und – wie sehen die Stromer aus? Begehrenswert? Siehe VW ID 3. Super Technik, Design von gestern, ganz der alte Golf. Nie sah Zukunft so wenig nach Zukunft aus, demonstrativ visionslos. Die Branche hat keine Lust aufs Futur. Es ist, als würde man das Handy in Form des alten Telefongeräts gestalten, nur ohne Schnur. Die Wende muss Träume wecken, nicht bloss ökologisch überzeugen. Stromer sollten futuristisch aussehen – lustiger, leichter, farbiger, charmanter.

Verzicht wird nie mehrheitstauglich werden – sofern er nicht nach erlebbarem Lebensgewinn schmeckt. Das Leben einschränken? Geht nur, wenn wir dabei etwas Grösseres gewinnen. Warum verzichtet der Mönch auf irdische Freuden? Er will sich aufs Göttliche konzentrieren. Ähnlich göttlich möchte entschädigt werden, wer auf massloses Konsumieren verzichtet. Was könnte entschädigen? Die Freude an persönlicher Autonomie, wie gesagt. Allerdings kommen auch die Sinne gern auf ihre Kosten. Für sie wäre so ein richtig cooles E-Mobil zumindest ein Anfang.

Dr. Ludwig Hasler - Philosoph, Physiker & Publizist

 

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